"Immer an der Wand lang"
3. Hinsbleeker Kletterwochen

André gilt in seiner Klasse im Allgemeinen als selbstbewusst, vertritt seine Meinung und setzt sich für Mitschüler ein. Heute ist ihm jedoch etwas mulmig, als Dietmar Katzer, Fachleiter Sport an der Grundschule Hinsbleek und seine Kollegin Sabine Stramaglia ihn mit sicherem Griff anseilen. Es geht hinauf auf die über 8 Meter hohe Kletterwand. Ermutigt von den Lehrern und einigen mithelfenden Eltern setzt er einen Fuß vor den anderen und gewinnt rasch an Höhe. André ist durch die Klettergurte und das Gegengewicht des hierfür besonders ausgebildeten Sportlehrers und der zusätzlich eingewiesenen Väter und Mütter gut gesichert. Und dennoch: Die Anspannung ist spürbar. Oben angekommen wagt André einen Blick nach unten. Er kann es kaum glauben, was er geschafft hat. Erleichtert lässt er sich ins Seil fallen und nähert sich Stück für Stück wieder dem Boden. Anerkennendes Schulterklopfen ist die Belohnung, die er sichtbar genießt.
Natürlich können nicht alle Kinder gleichzeitig an die Wand. Darum gibt es das Parallelprogramm „Klettern auf Getränkekisten“: Eine Kiste nach der anderen wird  Aylin zugereicht bzw. behutsam zugeworfen, bis sie fast die Hallendecke erreicht hat. Welch eine Lust zu erleben, wie am Ende der Turm mit großem Getöse einstürzt. Natürlich ist auch Aylin gut gesichert, so dass sie noch eine Weile in der Luft hin- und herpendelt.
Seit mehr als 5 Jahren gibt es in der Integrativen Grundschule Hinsbleek die Indoor-Kletterwand. Sie ist Teil des wöchentlichen Sportunterrichts. Einmal im Jahr jedoch heißt es für alle Kinder zwei Wochen lang: „Klettern satt“. Kein Kind ist ausgenommen, auch die ängstlichen und die behinderten Kinder haben ihren Spaß und trauen sich was. Sie erleben eine Höhenerfahrung, die selten geworden ist in der Großstadt. Allerdings ist klar: Ohne tatkräftige Mithilfe der Eltern geht es nicht.
Die Kletterwochen sind fester Bestandteil des Konzepts „Schule in Bewegung“, das vor 10 Jahren durch die Bildungsbehörde, das Kollegium sowie die Elternschaft ins Leben gerufen wurde. Es beinhaltet die „Aktive Pause“ (Ausleihe vielfältiger Fahrgeräte), „Bewegungslandschaften“ (Psychomotorik) sowie viele Spielgeräte inmitten einer kleinen Hügellandschaft mit Bachlauf. Alle diese Angebote dienen der Sinneserfahrung. Sie sollen die Ausdauer schulen, die Möglichkeiten der Selbsteinschätzung und des Ausprobierens bieten und das soziale Miteinander fördern. In diesem Sinn nicht nur ein hervorragender Ausgleich zum Schulunterricht. Für Renate Schroeder, seinerzeit Initiatorin des Konzepts, ist ganz klar: „Bewegung hat einen positiven Einfluss auf die Schulleistungen.“
Am Ende der Kletterwochen sind Kinder, Lehrer und Eltern gleichermaßen begeistert und fiebern schon der nächsten Gelegenheit entgegen. Die „Kletterlehrer“ bedanken sich bei den Eltern mit einem Gutschein für einen Gratis-Kletterabend für Eltern und versprechen eine Neuauflage, spätestens in einem Jahr. Aber vermutlich gibt es schon beim Sommerfest am 21. Juni eine weitere Chance. Hier sind dann auch Gäste willkommen, wenn es heißt: „Klettern für jedermann.“

Wolfgang Mahns